Stuttgarter Zeitung, Freitag, 29. März 2019, Fellbach &  Rems-Murr-Kreis, Seite III

 

Das „Rote Haus“ steht wieder auf dem Sockel

Besinnungsweg  Wer verschiebt ein Kunstwerk? Und warum? Eine Spurensuche am Rand des Oeffinger Hartwalds. Von Sascha Schmierer

Als meinungsstarker Bauexperte ist Paul Rothwein allseits bekannt. Und als tatkräftig anpackender Kunstfreund hat sich der Vorsitzende des Besinnungswegs nicht nur in seinem Heimatort Oeffingen einen Namen gemacht. Jetzt allerdings muss sich der mit der Kommunalwahl im Mai aus dem Amt scheidende CDU-Stadtrat auch noch als Ermittler betätigen. „Wer, um Himmels willen, legt Hand an ein Kunstprojekt?“, lautet die nicht nur für die 137 Mitglieder des Fördervereins spannende Frage.

Der Grund: Am Rand des Oeffinger Hartwalds ist ein Anschlag auf die Kunst verübt worden. Das „Rote Haus“, eine vor neun Jahren von Professor Timm Ulrichs geschaffene Großskulptur, ist buchstäblich von ihrem Sockel gezogen worden – und zwar erstens von einem unbekannten Täter und zweitens mit offensichtlich schwerem Gerät. Um gut 15 Zentimeter ist das mit leuchtend roter Farbe gestrichene Objekt verschoben worden.

Dass sich der Wind am für kindliche Kreativität und das spielerische Begreifen der Welt stehende Kunstwerk vergriffen hat oder gar ein paar übermütige Halbstarke angepackt haben, ist reichlich unwahrscheinlich. Laut Paul Rothwein wiegt das aus schweren Stahlplatten zusammengeschweißte Objekt nämlich gut und gern fünf Tonnen – kaum glaubhaft, dass es vom Sockel hüpft, nur weil sich jemand dagegen lehnt. „Da muss einer mit dem Traktor oder einem Lastwagen gekommen sein und das Haus per Seil angehängt haben“, sagt der Besinnungsweg-Chef. ­Spekulieren, ob das Häuschen einem Landwirt im Weg gestanden haben könnte oder von Nord-Ost-Ring-Fans aus dem Trassenbereich entfernt wurde, will Rothwein nicht. Er hat sich am Donnerstag lieber mit Vize Karlheinz Hirsch und einigen Helfern bemüht, dass das „Rote Haus“ wieder auf den Sockel kommt. Bestellt wurde der nötige Autokran aber noch aus einem ganz anderen Grund: Der durch einen kreisförmigen Ausschnitt im Dach wachsende Baum, verspieltes Detail der drei Meter hohen Skulptur, musste ausgetauscht werden. Die bisher verwendete Sumpf-Eiche vertrug offenbar die Hitze nicht, die in der Sommerzeit vom Stahldach abstrahlt. Auch in die Rinde eingeritzte Liebesgeständnisse und Zündeleien am Stamm hatten der Pflanze zugesetzt.

Jetzt setzten die Landschaftsgärtner eine ursprünglich eher in Südeuropa be-heimatete Zerr-Eiche als Ersatz. „Diese Art verträgt die Temperaturen besser“, sagt Jörg Schiller, Fraktionskollege von Paul Rothwein im Gemeinderat und Stifter des zehn Jahre alten Bäumchens. Nach knapp zwei Stunden war die Arbeit am „Roten Haus“ am Donnerstag erledigt, der Autokran fuhr seine Stützen wieder ein. Jetzt muss nur noch ein Schlosser kommen, der das für die Baumpflanzung ausgesägte Dach wieder sauber zusammenschweißt.

190329 Das Rote Haus

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