Stuttgarter Zeitung vom 27.12.2018, Fellbach & Rems-Murr-Kreis,  Seite I

Mit Leuchtfackeln gegen das Gespenst

Verkehr Voreilig hatten auch viele Fellbacher den Nord-Ost-Ring bereits für beerdigt erklärt. Doch Totgesagte leben länger: Die autobahn-ähnliche Piste auf dem Schmidener Feld hat viele Fürsprecher. Ein Grund: Die Feinstaubproblematik in Stuttgart.  Dirk Herrmann

Er hatte sich längst von den Lebenden verabschiedet, war bereits in die Gruft gelegt, die Erde schien schon längst drüberzuwachsen. Aber das war eine Täuschung: Der vermeintlich längst ins Jenseits katapultierte Stuttgarter Nord-Ost-Ring lässt sich nicht unterkriegen. Die „schöne Leich’“ hat sich sich peu a peu wieder berappelt und ist, zur großen Sorge der Fellbacher Bürger und Entscheidungsträger rund um Oberbürgermeisterin Gabriele Zull, wieder aus dem Sarg geklettert.Als erfolgreiche Strippenzieher dürfen sich insbesondere zwei Bundestagsabgeordnete der Christdemokraten fühlen. Es sind jene zwei, die nicht nur in Berlin, sondern auch in ihrer schwäbischen Heimat mit kühnen Thesen auf sich aufmerksam machen. Gemeint sind zum einen der den Wahlkreis Waiblingen vertretende Joachim Pfeiffer aus Plüder-hausen. Zum anderen der CDU-Bundestagsabgeordnete aus dem Wahlkreis Ludwigsburg, Steffen Bilger. Seit März agiert er als Staatssekretär im Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur. Die Haltung seines Vorgängers, dem aus dem Wahlkreis Backnang/Gmünd stammenden Norbert Barthle setzte Bilger beim Nord-Ost-Ring mit unveränderter Verve fort.

Kaum im Amt, ließ sich der 39-Jährige bei einer Felderrundfahrt über die Wiesen von Remseck kutschieren. Den anwesenden Landwirten aus den Kreisen Ludwigsburg und Rems-Murr machte Bilger unmissverständlich klar, mit welch großem Einsatz er „persönlich“ den Nord-Ost-Ring forciere. Die Straße sei als Verbindung zwischen den Räumen Ludwigsburg/Kornwestheim und dem Remstal unabdingbar, machbar und sinnvoll: „Ein vierspuriger Nord-Ost-Ring verspricht eine hohe Wirtschaftlichkeit.“

Im Oktober, legte Bilger gleich doppelt nach. Bei einer Podiumsdiskussion der Stuttgarter Zeitung im Hegelsaal der Liederhalle erklärte der Staatssekretär: „Mit dem Nord-Ost-Ring und der Filderauffahrt haben Sie 20 Prozent weniger Verkehr.“ Und bei einem Gastspiel bei der Mit-gliederversammlung der Fellbacher CDU forderte er wenige Tage später von Fellbach die Bereitschaft zur Kooperation ein: „Wenn nicht mal ein Tunnel infrage kommt, weil die Landwirtschaft um ihre Böden fürchtet, lösen wir unsere Verkehrsprobleme nicht.“

Die Argumentationskette verfing in Fellbach aber weder beim Spitzenpersonal im Rathaus noch bei Parteien und Fraktionen – sei’s im liberalen Lager, bei der SPD oder den Grünen. Und auch Bilgers christdemokratische Parteifreunde hielten dagegen. Eine autobahnähnliche Trasse vor der Fellbacher Haustür auf dem Schmidener Feld sei letztlich „ein Bypass, der längst nicht mehr der örtlichen Entlastung dienen soll, sondern als Transitstrecke für den Schwerlatzverkehr zwischen Augsburg und Mannheim geplant ist“, parierte der CDU-Stadtverbands- und Fraktionschef Hans-Ulrich Spieth Bilgers Ansinnen.Neben der Arbeitsgemeinschaft gegen die Bebauung des Schmidener Felds (Arge Nord-Ost) wehren sich auch die Landwirte sich mit Händen und Füßen gegen die geplante Asphaltpiste über 60 Hektar wertvollster Ackerfläche auf Europas besten Böden. Besonders beeindruckend gerieten im Herbst zwei Protestaktionen auf dem Schmidener Feld: Zum einen war das in Zusammenarbeit mit dem Gewerbeverein Oeffingen um Cheforganisator Jörg Schiller der Aktionstag gegen den Nord-Ost-Ring. An die 5000 Besucher kamen in die Ortsmitte und auf den Besinnungsweg, inspizierten die markierte Trasse und hielten sich angesichts des per Lautsprecherboxen simulierten Verkehrslärms die Ohren zu. . Eine weitere imposante Aktion folgte am 30. November mit der abendlichen Fackelwanderung vom Oeffinger Feuerwehrgerätehaus zur leuchtenden Nord-Ost-Ring-Trasse.

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 Bei allen publikums- und schlagzeilenträchtigen Protestinitiativen darf aber nicht übersehen werden, dass im Zusammenhang mit der Feinstaubproblematik in der Landeshauptstadt diverse Regionalpolitiker verstärkt auf die Karte Nord-Ost-Ring setzen. „Die Lage ist aus Fellbacher Sicht ernster denn je“, konstatierte der Fraktionschef der FW/FD, Ulrich Lenk, schon vor einigen Monaten. Dabei sei es „völlig daneben“, erklärte SPD-Regionalfraktionschef, der Fellbacher Harald Raß, dass der Nord-Ost-Ring etwas zur Reduzierung der Feinstaub- und Stickoxidbelastung in Stuttgarter Talkessel beitrage.

Doch nicht nur in der Landeshauptstadt, auch beim nordöstlichen Nachbarn Remseck und beim östlichen Nachbarn Waiblingen wurden zuletzt die Forderungen nach einer Lösung der überörtlichen Verkehrsprobleme deutlicher. In ihren jüngsten Haushaltsreden setzten die Waiblinger Fraktionen von Freien Wählern und Christdemokraten auf eine solche Schnellpiste. Statt „Kirchturmlösungen“, so forderte Siegrfied Bubeck von den Demokratischen Freien Bürgern, sei eine „verträgliche Gesamtkonzeption mit einer Nordost-Tangente“ mit zwei Spuren sowie einer dritten Fahrspur an Steilstrecken erforderlich. „So werden Remseck und Hegnach entlastet, ohne die anderen Kommunen zu sehr zu belasten.“

Ins selbe Horn stieß CDU-Chef Siegfried Kasper. Im Interesse der Menschen an den überlasteten Ortsdurchfahrten plädiert er für eine grundsätzlich zweispurige Fortführung der Waiblinger Westumfahrung auf der Trasse des Nord-Ost-Rings – entweder teilweise per Tunnelbau oder per Überdeckelung. Und Kasper hat noch eine Spitze gen Fellbach parat: „Was beim Kappelbergtunnel ökologisch so hervorragend gelungen ist, sollte andernorts nicht von vornherein ausgeschlossen werden.“ Die Alternative Liste hielt natürlich dagegen: Die Trasse sei „das Herzstücke einer neuen Autobahn vom Rheintal nach Bayern.“Gefahr erkannt, Gefahr noch keineswegs gebannt: Des Gespenst des Nord-Ost-Ring wird Fellbach womöglich noch weitere Jahre immer wieder aufschrecken.

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